Die Überarbeitung der Skripte von Berserkersohn III und IV läuft auf Hochtouren und auch eine andere, kleinere Sache, von der ich Euch aber noch nichts verraten kann, ist fast fertiggestellt. Aber dazu nächstes Jahr mehr! 🙂

Es ist schon einige Zeit her, dass ich eine Berserker-Weihnachtsgeschichte geschreiben habe … Und damit ist nicht der erste Band der Berserkerwelt gemeint … Da sie viele von Euch sicher noch nicht kennen, lasse ich sie Euch gerne als Häppchen hier! PS: Das Cover ist nicht ganz ernst gemeint! 😉

Damit wünsche ich Euch ein besinnliches Fest, einen guten Rutsch in ein tolles neues Jahr und vor allem Gesundheit! Von mir also hier für Euch ein (fast) weihnachtliches Prequel zu »Berserkersohn«:

Langsam schwebte die Schneeflocke vom nächtlichen Himmel. Im Scheinwerferlicht der roten Corvette erstrahlte sie zu kurzer, funkelnder Pracht, bevor sie tiefer trudelte und der Autoreifen sie überrollte.
Die Straße in einem der verrufensten Viertel von Newark hätte um diese Uhrzeit leer und verlassen daliegen sollen, einzig von Ratten und todessüchtigen Gangs bevölkert. Nun aber reihte sich die Corvette in die Reihe parkender Nobelkarossen ein.
Ein Mann stieg aus. In wenigen Sekunden hatte sein schwarzer Mantel Hunderte weißer Sprenkel, hingen Tropfen in schwarzem Haar. Mit dem Zuschlagen der Tür ließ er all seine persönlichen Tribute hinter sich zurück: Seth Dracon, Sohn des Oberhauptes der Seques Aurelius, gerade mal über einhundert Jahre alt und zukünftiger Prinzregent der westlichen Seque-Welt.
Übrig blieb der wohl fähigste Kämpfer seines Volkes. Die Cops hätten ihn Profiler genannt, die normalen Menschen Scharfrichter oder Auftragsmörder. Sein Volk selber hatte in Unwissenheit um seine wahre Identität einen anderen Namen gefunden: Schatten.
Er strich sich das widerspenstige Haar aus der Stirn und lief über die Straße, hinüber zu der alten Holztür, die sich bereits bei seinem Näherkommen öffnete. Eine junge Frau im Designerabendkleid drängte sich dichter an ihm vorbei als nötig. Seth aber sah ihr nicht einmal in die geschminkten Augen. Ihr folgender Begleiter wirkte attraktiver, aber Seth war nicht auf der Jagd nach einem Bettgefährten, sondern nach einem mordlüsternen, sadistischen Seque, der bereits seit Monaten Menschenfrauen abschlachtete.
Er ging durch einen engen, nach Schimmel und Pisse stinkenden Flur mit verrotteten Tapeten tiefer in den Keller. Hier änderte sich die Szenerie: Der riesige Raum unterkellerte den gesamten Häuserblock. Seth mischte sich unter die mindestens hundert Anwesenden, die den metallenen Balkon bevölkerten, der die Kampfarena unten umrundete. Armani drängte sich an Chanel, diamantenbewährte Finger lagen auf rostigem Eisen und den Stielen von Champagnergläsern. Die allgemeine Aufmerksamkeit richtete sich auf die beiden Männer unten in der Manege, die vermutlich um ein paar lumpige Dollar gegeneinander antraten.
Was Seth an Aufruhr durch sein Aussehen verursachte, machte er durch seinen verschlossen-abweisenden Gesichtsausdruck wieder wett, der sagte: Ich will nicht angesprochen werden.
Er trat an die Brüstung und sah sich um, scannte Gesichter, Gesten, Mimik der Schaulustigen um ihn her. Eher am Rande registrierte er die Arena, in der ein Kämpfer im Minutentakt seine Gegner abservierte.
Unter normalen Umständen hätte er diesem offensichtlich ungewöhnlichen Contest mehr Aufmerksamkeit gewidmet, aber er hatte einen Auftrag. Sein Gegner würde erst dann von Seth erfahren, wenn es für ihn zu spät war.
Der Seque, den er suchte, hatte es auf junge und reiche Menschenfrauen abgesehen. Es hatte lange gedauert, bis Seth hinter das Muster aus wechselnden Orten und dem Stand des Mondes gekommen war. Aber nun war er hier.
Sein Blick blieb an einem engelsgleich erscheinenden Mann mit lockigem Haar hängen. Dieser schien sich intensiv um eine dunkelhaarige Frau zu bemühen, die wie verzaubert an seinen Lippen hing. Soeben legte der Lockenschopf fragend den Kopf schief, die junge Frau lachte und nickte zugleich. Dann strebten sie einem der zwei Ausgänge zu.
Applaus brandete auf, offenbar hatte der Kämpfer dort unten seine Schuldigkeit zu aller Zufriedenheit getan. Seth stieß sich von der Brüstung ab und folgte dem Paar in angemessener Entfernung.

Cale Panton trat vor die Hintertür des Fightclubs. Für einen Moment schloss er die Augen, sog die kalte Luft ein und bot den fallenden Schneeflocken sein überhitztes Gesicht dar. Hinter ihm im Gang ertönten Schritte. Cale trat zur Seite und ließ sich im Schatten der Hauswand zwischen alten Kartons auf den Boden gleiten. Er fühlte sich nicht siegreich, obwohl er soeben zwölf Gegner problemlos ausgeschaltet hatte.
Er hatte verloren. Einmal mehr gegen sein suchthaftes Verlangen zu kämpfen. Das dadurch gewonnene Geld schien ihm förmlich ein Loch in die Tasche seines Sweaters brennen zu wollen. Vielleicht konnte er Matt und Lydia etwas Nettes dafür kaufen, da es ihn nicht einmal an Heiligabend zu Hause gehalten hatte. Er zog Resümee: Ein Gegner mit ausgekugelter Schulter, ein gebrochener Arm, zwei ebensolche Nasen und vermutlich diverse innere Verletzungen, aber immerhin kein Toter.
Ein junges Paar ging leise lachend und turtelnd an ihm vorbei, verlor sich in der Nacht, und Cale versuchte noch tiefer einzutauchen in den Schatten der getürmten Kartonagen.

Während Seth das Paar verfolgte, passierte er einen Haufen weggeworfener Pappverpackungen. In der schneedurchwirkten Dunkelheit meinte er, einen blonden Haarschopf leuchten zu sehen und warf einen Blick zurück über die Schulter.
War das nicht der junge Kerl, der soeben im Ring so ordentlich aufgeräumt hatte? Warum saß er nicht an der Bar und begoss seinen furiosen Sieg sowie sein dazuverdientes Weihnachtsgeld, sondern hockte hier alleine zwischen Abfällen auf dem Boden?
Vor ihm hob der blondgelockte Mann die lose Latte eines Bauzaunes an und ließ seine Begleiterin vor ihm die Öffnung passieren.
Seth würde hinterher zu dieser Stelle zurückkehren. Er hatte schon lange nichts mehr getrunken und auch die kaum sichtbaren Strahlen eines sich rundenden Mondes lockten seinen Durst. Vielleicht würde er dann auch hinter das Rätsel des jungen Kämpfers kommen.
Er hob ebenfalls das lockere Brett an und folgte den beiden in den Rohbau. Still wie der Schnee, der hier durch lose Planen auf feuchten Beton hineinwehte, glitt er die Stufen in den ersten Stock hinauf. Milchig-weiße Plastikplanen durchzogen das Geschoss und durch ihr trockenes Wischen und Flappen hörte er leise eine Frau weinen. Eine freundlich-warme Männerstimme sagte: »Wenn du schreist, breche ich dir jeden Finger einzeln. Also, zieh dein Oberteil aus.«
Seth nickte stumm, griff in seinen linken Ärmel und zog den einzigen Freund hervor, den er neben Tristan hatte: Seinen Dolch mit der mehr als sieben Inch langen Klinge.
Behutsam schlug er die Plane zurück und trat wie sein Schattenriss hinter den blonden Seque, der lächelnd auf die vor ihm kniende Frau hinunter sah. Seth tippte ihm auf die Schulter. Der Mann fuhr herum und stutzte nur einen Moment. Dann erstrahlte sein Gesicht. »Hallo, willst du was von ihr abhaben?«
Seth stieß ihm den Dolch von unten bis zum Heft zwischen die Kieferäste, während er ruhig antwortete: »Danke, ich will nur dich.«
Die Energie des Sterbens strömte aus dem Körper des Seques, brandete über Seth hinweg und ließ ihn zitternd zurück. Er sammelte sich, befreite mit einem Ruck seine Waffe und ließ den nun leblosen Körper zu Boden gleiten, wo er in sich zusammensackte. Es floss kaum Blut. In wenigen Sekunden fiel die Kleidung des Toten in sich zusammen, und nur noch eine braun-krümelige Masse ließ erahnen, dass sie einmal von jemandem getragen worden war.
Er ging zu der zitternden jungen Frau, die immer noch, das Gesicht gegen die Knie gepresst, am Boden kauerte, und half ihr auf. Er legte ihr seinen Mantel um, bevor er sein Handy zog. »Cy? Ich habe ihn. Bitte schicke einen kleinen Trupp zum Saubermachen und einen Löscher. Sein auserkorenes Opfer ist noch hier und steht unter Schock.« Dann nannte er die Adresse.

Die von unten aufsteigende Kälte hatte schon lange seinen Schweiß trocknen lassen. Seine typische, im Kampf so hilfreiche Gefühllosigkeit jedoch war der Wärme gefolgt und Schmerzen durchzogen nun jede Faser seines Fleisches. Mühsam rappelte Cale sich auf. Wenn er jetzt nicht in die Gänge kam, würde er morgen immer noch hier sitzen. Irgendwann schließlich würde man Matt und Lydia in die Pathologie eines Krankenhauses rufen, um ihn zu identifizieren. Als ob die beiden damit nicht sowieso rechnen würden. Er linste hinüber zu dem Bauzaun, hinter dem sowohl das Pärchen, als auch der ihnen folgende Mann verschwunden waren. Der Typ, der noch einmal zu Cale zurückgeschaut hatte, als hätte er ihn trotz der Dunkelheit wahrnehmen können. Cale hatte sich angespannt, aber seine Sinne, die ihn sonst zuverlässig vor Gefahr zu warnen vermochten, waren still geblieben. Was mochte so Interessantes in diesem Bau liegen? Für einen Moment überlegte Cale, ob er nicht einfach nachschauen und dem Abend so noch eine andere Wendung geben sollte …

Seth übergab die junge Frau in die Obhut der wie stets schnell erscheinenden Gardisten. Nach kurzem Report zog er seinen Mantel wieder über und verschwand vom Beinahe-Schauplatz eines weiteren Frauenmordes. Er trat durch den Zaun auf die Straße und ging im abklingenden Flockentanz zurück zu der Stelle, an der er den jungen Kampfer hatte sitzen sehen. Der Platz auf dem Boden war noch dunkel vom getauten Weiß – und leer. Der Mann war fort.
Seth ballte die Fäuste in seinen Manteltaschen und gestattete sich einen ungewohnten Anflug von Enttäuschung. Dann straffte er seine Schultern. Die Einsamkeit war nun einmal seine einzige Gesellschaft. Damit musste er sich ein für alle mal abfinden.

Der Schneefall hatte etwas nachgelassen. Cale entschied sich gegen einen Streifzug aus bloßer Neugierde. Freunde würde er dabei sicherlich nicht finden, nur noch mehr Ärger und davon hatte er heute Nacht bereits genug veranstaltet. Typen wie er hielten sich besser von anderen Menschen fern.
Die nun eisigen Hände in die Taschen seiner Jacke gestemmt, die Schultern gegen Kälte und Schmerzen hochgezogen, stand Cale allein mitten auf der Straße. Dann schlug er sich die Kapuze über den Kopf und ging mit gesenktem Kopf gegen den Wind voran.
Er hatte noch einen weiten Weg vor sich.



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