Ihre Beine baumelten über den Rand des Daches, ihre Füße klopften sacht gegen das Mauerwerk. Ein kleines Stück Erde aus dem Park löste sich aus ihrer Sohle und trudelte fünfundsiebzig Meter in die Tiefe, bevor es auf dem nachtgrauen Asphalt von den Reifen eines vorüberfahrenden Autos pulverisiert wurde.

nandhukumar

Jen legte den Kopf in den Nacken und ließ ihren Blick über das nächtliche, urbane Firmament gleiten, wie man mit den Händen über das immer noch weiche Fell eines alten Hundes streicht. Die aufsteigenden Lichter der Stadt schufen eine Kuppel diffuser Helligkeit, die die Gebäude von der wahren Tiefe der Nacht trennte und die funkelnden Sterne zu matten Sprenkeln degradierte. Auf der noch vom Tage sonnenwarmen, gemauerten Dachumrandung eines der größten Häuser der Stadt sitzend, befand sich Jen schon am oberen Rande dieses Grenzbereichs. Wie oft hatten sie hier gesessen, hinaufgeschaut in das Himmelszelt und Pläne für ihr weiteres gemeinsames Leben geschmiedet. Sie hob die Hand hinauf in den Himmel, als könne sie das Tuch der Dunkelheit greifen, zu sich herabziehen und sich darin einhüllen. Nichts anderes wünschte sie sich seit einem halben Jahr. Und genau deshalb war sie hier. Sie musste wissen, ob es sich noch lohnte, in das Tageslicht zurückzukehren, oder ob sie sich für immer in den Überwurf der Düsternis schmiegen wollte. Wie Florian.

Sie fasste hinter sich und hob von ihrem rotfleckigen Tablett ein bauchiges Glas und die bereits geöffnete Flasche alten, spanischen Weins. Die letzte ihres gemeinsamen Bestandes, den sie von einer Reise nach Andalusien mitgebracht hatten, einig, dass dieser Geschmack nach Beeren und Rauch der Beste der Welt sein musste.

Sie goss sich einen großzügigen Schluck ein und ließ die duftende Flüssigkeit im kristallenen Rund kreisen, wie ihre Gedanken es seit Florians Tod unaufhaltsam taten. Tag für Tag.

Ein halbes Jahr lang hatte sie nun versucht, den scharfen Krallen und Zähnen der Vergangenheit zu entgehen, die ihr das Fleisch von den Knochen und das Herz aus dem Leib zu reißen drohten. Oder was immer davon übrig war. Für ihre Familie und Freunde war sie stets der Fels in der Brandung, würgte ihr eigenes Leid herunter, um nicht das der anderen weiter zu mehren, bis sie glaubte, kaum noch gehen zu können, bleiern von all dem Gewicht, das sich in ihr abzulagern schien. Hatte die Bilder an Florian verdrängt, sich vorgemacht, es sei das Normalste der Welt, auf der Couch zu schlafen, obwohl das Doppelbett nebenan leer stand. Verzweifelt darum gekämpft, ihre sonstige Leichtigkeit und ihren Optimismus wiederzuerlangen, um ihr Leben auch alleine weiterzuführen.
Und heute, in dieser Nacht, auf dem Dach ihrer früheren Welt, wollte sie es wagen, nahm sie einen Schluck des beerigen, warmen Rauches und warf wie ein Fischer ein großes Netz hinaus in die kunstlichtdurchsetzte Finsternis. Jedes der handgeknüpften Rechtecke gefüllt mit einer Erinnerung.

Da leuchteten kleine, winzige Momentaufnahmen ihres gemeinsamen Lebens, die zappelten wie Kaulquappen, und da waren Sequenzen, so lang wie ein ganzer Tag, die in sich zu ruhen schienen, als wüssten sie um ihren Wert. Es gab leise, wie ein geflüstertes Wort, und laute, wie das Gekreisch einer verrückten alten Frau in Trauer. Es erstrahlten farbige, in warmen Rot- und Gelbtönen, ja, die überwogen, und nur wenige mit dem kalten, unbarmherzigen Blau eines Gletschers. Da waren unscharfe, wie alte Filmaufnahmen, und Bilder mit einer solchen Intensität, dass sie aufpassen musste, um sich nicht an ihren skalpellscharfen Rändern zu schneiden.

Lange besah sie sich den bunten, lebendigen, scharf-süßen Quilt aus Eindrücken, bevor sie vorsichtig den ersten davon heraushob. Die kleinen Erinnerungen waren gut für den Anfang, die machten es leichter: Florians Blick, als er über einem Abfluss in Vermont kniete, in den der Schlüssel ihres Mietwagens gefallen war. »Gully essen Schlüssel auf«, sein aufziehendes Grinsen in einer Anspielung auf ihren Lieblingsfilm.
Jen lächelte und strich sich eine Strähne ihres Haares aus den Augen, mit der der Nachtwind spielte. Das war doch gar nicht so schwer gewesen. Sie holte tief Luft und versuchte die nächsten, wie man ein Gericht von unschätzbarem Wert kostet: den muskulösen Schwung seines Nackens, den verwegen angehobenen Mundwinkel, den Glanz seiner Haut in der sattgelben Morgensonne –  sein Lächeln. Sie riss die Augen auf und lachte leise in die Nacht hinaus. Es war noch da! Wie groß war ihre Angst gewesen, sein Lächeln könne für immer mit ihm fort sein! Seine unnachahmliche Art, jeder Situation etwas Gutes abzugewinnen. Wie an ihrem letzten gemeinsamen Abend. In die Vergangenheit lauschend legte sie den Kopf schief, während verhalten Musik aus einem offenen Fenster zu ihr durch das beständige, heisere Summen des Verkehrslärms tief unten emporstieg.

»Wir hatten siebzehn fantastische Jahre, Jen. Besser geht es nicht! Es ist Zeit für dich, etwas Neues anzufangen. Ohne meine Haare im Waschbecken und ohne lebendige Angelwürmer, die aus dem Kühlschrank ausbüxen.« Sie hatte zugleich gelacht und geweint. Sie lächelte auch jetzt noch, während sie einen weiteren Schluck des rubinroten Weines über die Zunge rollen ließ. Dann wurde sie wagemutiger.
Da war ihr erster gemeinsamer November gewesen, einen Monat, bevor sie in die obere Wohnung dieses Hochhauses gezogen waren. Riesige zugige Fenster, altes, verkratztes Parkett, genug Stellfläche für ihrer beider Bücher und Schreibtische. Ausschlaggebend für sie war dieses Dach gewesen. Hier wollten sie zusammen für ihr Studium lernen, Feste feiern, sich lieben, streiten und wieder versöhnen, und genau das hatten sie getan.

Sie wagte es, hinzusehen: Auf der Fahrt zu einer kleinen Geburtstagsfeier hatte Florian seinen Milchshake vergossen – auf den Schritt seiner Hose. Sie ließen den Abend und die gutmütig stichelnden Kommentare über das Ungestüm junger Liebe gerne über sich ergehen. Auf der Rückfahrt holten sie nach, was die anderen in wilden Vermutungen bereits den ganzen Abend vorweggenommen hatten. Die Autoscheiben beschlugen dabei so dicht, dass sie hinterher zuerst glaubten, sie wären eingeschneit worden.

Sie lachte erneut, während sie eine Träne mit der Zungenspitze von ihrer Oberlippe fing. Nicht alles war eitel Sonnenschein gewesen, sicher nicht. Wichtig aber war das Gleichgewicht, die Ausgewogenheit ihrer beider Eigenschaften: Die Bissigkeit des einen gemildert durch die ruhige Güte des anderen, aufbrausendes Temperament ergänzt durch logische, einfühlsame Verständigkeit, und alles andere war Vertrauen, Lernen, Reisen, Leben gewesen.                                                                                                                                                                                                          Ihr Kopf auf seinem Bauch, auf und ab wippend, während er lachte. Der schwere ockerne Duft nach Kamille und seine Augen zugekniffen gegen das gleißend warme Licht des Sonnenuntergangs. Der Kuss vor den Toren ihrer Fakultät, an der sie inzwischen selber lehrten. Und jetzt die immer noch voll möblierte und doch so quälend leere Wohnung, die einsamen Nächte. Und wenn sie das Dach betrat, schien es Jen, wissend um ihr Elend, seine Hilfe zu anbieten. Einen Ausweg.

Sie seufzte, während der Wind nach der Hitze der letzten Tage angenehm auffrischte und überraschend in ihren Rücken fuhr. Erschrocken fasste sie nach dem rauen Stein, als sie glaubte, vorne überzufallen. Das Glas glitt aus ihrer Hand. Einer blutigen Wolke gleich ergoss sich der Rest des Weines in die Luft, wo er als abstraktes Gebilde in einem letzten Pas de deux mit dem Kristallglas für einen Moment zu verharren schien, bevor sich beide zusammen in der Tiefe verloren. Mit klopfendem Herzen sah Jen ihnen nach. Besser geht es nicht, hatte Florian gesagt. Blieb dann noch etwas für sie? Musste es immer noch besser sein? Und wenn sie das Beste schon ihr eigen nennen durfte? Reichte ihr nicht auch einfach nur leben?

Sie gab die Zurückhaltung auf und wagte den Schritt mitten hinein in die Bilder ihres bisherigen Lebens. Ließ sich von ihnen einnehmen, durchdringen und umwehen, trank und atmete sie. Sie lachte und weinte hemmungslos zugleich, die Schleusen gebrochen von der Wucht der Vergangenheit und der Verantwortung für eine Entscheidung über ihre Zukunft.

Ein glühender Streifen Orange schenkte dem vergehenden Nachthimmel zum Abschied ein finales Kobaltblau. In der aufsteigenden Morgenröte fanden die ersten Strahlen der Sonne ihren Weg auf das leere, noch nachtkühle Gestein der Dachumrandung.