Kurzgeschichten
Berserkersohn – eine Weihnachtsgeschichte
Langsam schwebte die Schneeflocke vom nächtlichen Himmel. Im Scheinwerferlicht der roten Corvette erstrahlte sie zu kurzer, funkelnder Pracht, bevor sie tiefer trudelte und der Autoreifen sie überrollte.
Die Straße in einem der verrufensten Viertel von Newark hätte um diese Uhrzeit leer und verlassen daliegen sollen, einzig von Ratten und todessüchtige Gangs bevölkert. Nun aber reihte sich die Corvette in die Reihe parkender Nobelkarossen ein.
Ein Mann stieg aus. In wenigen Sekunden hatte sein schwarzer Mantel Hunderte weißer Sprenkel, hingen Tropfen in schwarzem Haar.
Mit dem Zuschlagen der Tür ließ er all seine persönlichen Tribute hinter sich zurück: Seth Dracon, Sohn des Oberhauptes der Seques Aurelius, gerade mal über einhundert Jahre alt und späterer Prinzregent der westlichen Seque-Welt.
Zurück blieb der wohl fähigste Kämpfer ihres Volkes. Die Cops hätten ihn Profiler genannt, die normalen Menschen Scharfrichter oder Auftragsmörder. Sein Volk selber hatte in Unwissenheit um seine wahre Identität einen anderen Namen gefunden: Schatten.

Er strich sich das widerspenstige Haar aus der Stirn und lief über die Straße, hinüber zu der alten Holztür, die sich bereits bei seinem Näherkommen öffnete. Eine junge Frau im Designerabendkleid drängte sich dichter an ihm vorbei, als nötig. Seth aber sah ihr nicht einmal in die geschminkten Augen. Ihr folgender Begleiter wirkte attraktiver, aber Seth war nicht auf der Jagd nach einem Bettgefährten, sondern nach einem mordlüsternen, sadistischen Seque, der bereits seit Monaten Menschenfrauen abschlachtete.
Es ging durch einen engen, nach Schimmel und Pisse stinkenden Flur mit verrotteten Tapeten tiefer in den Keller. Hier änderte sich die Szenerie: Der riesige Raum unterkellerte den gesamten Häuserblock. Seth mischte sich unter die mindestens hundert Anwesenden, die den metallenen Balkon bevölkerten, der die Kampfarena unter umrundete. Armani drängte sich an Chanel, diamantenbewährte Finger lagen auf rostigem Eisen und den Stielen von Champagnergläsern. Die allgemeine Aufmerksamkeit richtete sich auf die beiden Männer unten in der Manege, die vermutlich um ein paar lumpige Dollar gegeneinander antraten.
Was Seth an Aufruhr durch sein Aussehen verursachte, machte er durch seinen verschlossen-abweisenden Gesichtsausdruck wieder wett, der sagte: Ich will nicht angesprochen werden.
Er trat an die Brüstung und sah sich um, scannte Gesichter, Gesten, Mimik der Schaulustigen um ihn her. Eher am Rande registrierte er die Arena, in der ein Kämpfer im Minutentakt seine Gegner abservierte.
Unter normalen Umständen hätte er diesem offensichtlich ungewöhnlichen Contest mehr Aufmerksamkeit gewidmet, aber er hatte einen Auftrag. Sein Gegner würde erst dann von Seth erfahren, wenn es für ihn zu spät war.
Der Seque, den er suchte, hatte es auf junge und reiche Menschenfrauen abgesehen. Es hatte lange gebraucht, bis Seth hinter das Muster aus wechselnden Orten und dem Stand des Mondes gekommen war. Aber nun war er hier.
Sein Blick blieb an einem lockigen, engelsgleich erscheinenden Mann hängen. Dieser schien sich intensiv um eine dunkelhaarige Frau zu bemühen, die wie verzaubert an seinen Lippen hing. Soeben legte der Lockenschopf fragend den Kopf schief, die junge Frau lachte und nickte zugleich. Dann strebten sie einem der zwei Ausgänge zu.
Applaus brandete auf, offenbar hatte der Kämpfer dort unten seine Schuldigkeit zu aller Zufriedenheit getan. Seth stieß sich von der Brüstung ab und folgte dem Paar in angemessener Entfernung.
Cale Panton trat vor die Hintertür der Fightclubs. Für einen Moment schloss er die Augen, sog die kalte Luft ein und bot den fallenden Schneeflocken sein überhitztes Gesicht dar. Hinter ihm im Gang ertönten Schritte. Cale trat zur Seite und ließ sich im Schatten der Hauswand zwischen alten Kartons auf den Boden gleiten. Er fühlte sich nicht siegreich, als hätte er soeben zwölf Gegner problemlos ausgeschaltet.
Er hatte verloren. Einmal mehr gegen sein suchthaftes Verlangen zu kämpfen. Das dadurch gewonnene Geld schien ihm förmlich ein Loch in Tasche seines Sweaters brennen zu wollen. Vielleicht konnte er Matt und Lydia etwas Nettes dafür kaufen, dass es ihn nicht einmal an Heiligabend zu Hause gehalten hatte. Er zog Resumme: Ein Gegner mit ausgekugelter Schulter, ein gebrochener Arm, zwei ebensolche Nasen und vermutlich diverse innere Verletzungen aber immerhin kein Toter.
Ein junges Paar ging leise lachend und turtelnd an ihm vorbei, verlor sich in der Nacht und Cale versuchte noch tiefer einzutauchen in den Schatten der getürmten Kartonagen.
Während Seth das Paar verfolgte passierte er einen Haufen weggeworfener Pappverpackungen. In der schneedurchwirkten Dunkelheit meinte er, einen blonden Haarschopf leuchten zu sehen und warf einen Blick zurück über die Schulter.
War das nicht der junge Kerl, der soeben im Ring so ordentlich aufgeräumt hatte? Warum saß er nicht an der Bar und begoss seinen furiosen Sieg sowie sein dazuverdientes Weihnachtsgeld, sondern hockte hier alleine zwischen Abfällen auf dem Boden?
Vor ihm hob der gelockte Mann die lose Latte eines Bauzaunes an und ließ seine Begleiterin vor ihm die Öffnung passieren.
Seth würde hinterher zu dieser Stelle zurückkehren. Er hatte schon lange nichts mehr getrunken und auch die kaum zu sehenden Strahlen eines sich rundenden Mondes lockten seinen Durst. Vielleicht würde er dann auch hinter das Rätsel des jungen Kämpfers kommen.
Er hob ebenfalls das lockere Brett an und folgte den beiden in den Rohbau. Still wie der Schnee, der hier durch lose Planen auf feuchten Beton hineinwehte, glitt er die Stufen in den ersten Stock hinauf. Milchig-weiße Plastikplanen durchzogen das Geschoss und durch ihr trockenes Wischen und Flappen hörte leise eine Frau weinen. Eine freundlich warme Männerstimme sagte: »Wenn du schreist, breche ich dir jeden Finger einzeln. Also, zieh dein Oberteil aus.«
Seth nickte stumm, griff in seinen linken Ärmel und zog den einzigen Freund hervor, den er neben Tristan hatte: Seinen Dolch mit der mehr als sieben Inch langen Klinge.
Behutsam schlug er die Plane zurück und trat wie sein Schattenriss hinter den blonden Seque, der lächelnd auf die vor ihm kniende Frau hinunter sah. Seth tippte ihm auf die Schulter. Der Mann fuhr herum und stutzte nur einen Moment. Dann erstrahlte sein Gesicht. »Hallo, willst du was von ihr abhaben? —«
Seth stieß ihm den Dolch von unten bis zum Heft zwischen die Kieferäste, während er ruhig antwortete: »Danke, ich will nur dich.«
Mit einem Ruck befreite er seine Waffe und ließ den nun leblosen Körper zu Boden gleiten, wo er in sich zusammensackte. Es floss kaum Blut. In wenigen Sekunden fiel die Kleidung des Toten in sich zusammen, und nur noch eine braun-krümelige Masse ließ erahnen, dass sie einmal von jemandem getragen worden war.
Er ging zu der zitternden jungen Frau, die immer noch, das Gesicht gegen die Knie gepresst, am Boden kauerte, und half ihr auf. Er legte ihr seinen Mantel um, bevor er sein Handy zog.
»Cy? Ich habe ihn. Bitte schicke einen kleinen Trupp zum sauber machen und einen Löscher. Sein auserkorenes Opfer ist noch hier und steht unter Schock.« Dann nannte er die Adresse.
Die von unten aufsteigende Kälte hatte schon lange seinen Schweiß trocknen lassen. Sein typische, im Kampf so hilfreiche Gefühllosigkeit jedoch war der Wärme gefolgt und Schmerzen durchzogen jede Faser seines Fleisches. Mühsam rappelte Cale sich auf. Wenn er jetzt nicht in die Gänge kam, würde er morgen immer noch hier sitzen. Irgendwann schließlich, würde man Matt und Lydia in die Pathologie eines Krankenhauses rufen, um ihn zu identifizieren. Als ob die beiden damit nicht sowieso ständig gerechnet hätten. Er linste hinüber zu dem Bauzaun, hinter dem sowohl das Pärchen, als auch der ihnen folgende Mann verschwunden waren. Der Typ, der noch einmal zu Cale zurückgeschaut hatte, als hätte er ihn trotz der Dunkelheit wahrnehmen können. Cale hatte sich angespannt, aber seine Sinne, die ihn sonst zuverlässig vor Gefahr zu warnen vermochten, waren still geblieben. Was mochte so Interessantes in diesem Bau liegen? Für einen Moment überlegte Cale, ob er nicht einfach nachschauen und dem Abend so noch eine andere Wendung geben sollte …
Seth übergab die junge Frau in die Obhut der wie stets schnell erscheinenden Gardisten. Nach kurzem Report zog er seinen Mantel wieder über und verschwand vom Beinahe-Schauplatz eines Mordes.
Er trat durch den Zaun auf die Straße und ging im abklingenden Flockentanz zurück zu der Stelle, an der er den jungen Kampfer hatte sitzen sehen. Der Platz auf dem Boden war noch dunkel vom getauten Weiß – und leer. Der Mann war fort.
Seth ballte die Fäuste in seinen Manteltaschen und gestattete sich einen ungewohnten Anflug von Enttäuschung.
Der Schneefall hatte etwas nachgelassen. Cale entschied sich gegen einen Neugierdestreifzug. Freunde würde er dabei sicherlich nicht finden, nur noch mehr Ärger und davon hatte er heute Nacht bereits genug veranstaltet. Typen wie er hielten sich besser von anderen Menschen fern.
Die nun eisigen Hände in die Taschen seiner Jacke gestemmt, die Schultern gegen Kälte und Schmerzen hochgezogen stand Cale mitten auf der Straße. Dann schlug er sich die Kapuze über den Kopf und ging mit gesenktem Kopf gegen den Wind voran.
Er hatte noch einen weiten Weg vor sich.
Eine Frage der Perspektive
(veröffentlicht 12.2013 WDR 5, „Speilart“, Geschichten, die Sie sich schenken können.)
Eine Frage der Perspektive
Zwei Raumäonen war es nun schon her, dass sie den blauen Planeten endlich gefunden hatten. Drei Geschwader waren nachgerückt, um das Forschergremium in seiner Arbeit zu unterstützen, siebenhundert Elofolianten bereits mit gesammelten Informationen und Bildern gefüllt und trotzdem waren sie noch keinen wesentlichen Schritt in der Entschlüsselung seines Geheimnisses weiter.
Seit Beginn der Raumreisen suchten sie nach anderem, intelligenten Leben, fremden Kulturen außerhalb ihres Sonnensystems. Die Entdeckung eines Planeten mit einer Atmosphäre, die der ihren so nah kam, wie nur irgend möglich, war eine Sensation. Leider mussten sie feststellen, dass die ehemalige, dominierende Lebensform, von der sie unzählige Abbildungen und Überreste fanden, eine Vergangene war. Die Gelehrten begannen sich zu streiten: Eine Zivilisation und intelligentes Leben zeichnete sich durch einen starken Überlebenswillen aus. Hier aber mehrten sich die Hinweise dafür, dass diese Spezies hartnäckig daran gearbeitet hatte, ihren eigenen Lebensraum kontinuierlich zu vernichten. Andere Stimmen sprachen von einem kollektiven, vielleicht religiös begründeten Selbstmord.
Das jedoch war nicht der für Ednok vorrangige Punkt.

Grafik: TPHeinz, Pixabay
Ihn interessierte vor allem das komplexe Geflecht ihrer Götterverehrung. Verschiedene geografische Gebiete wiesen durchaus unterschiedliche kulturelle Merkmale auf, so als hätten sich diese Lebewesen mit der merkwürdig aufrechten Statur und den nur vier langen Auswüchsen, ihren jeweils andersartigen thermalen Zonen angepasst. Übergreifend über die gesamte stellare Kugel jedoch gab es einander ähnelnde Strukturen: kleine metallene Scheiben und bunte Scheine aus einer dünnen, trockenen Membran. Alle hatten gleichmäßige, wenn auch voneinander abweichende Schriftzeichen gemein. Noch fehlte der entscheidende Durchbruch der Kommunikwissenschaftler, die fieberhaft an der Entschlüsselung der Sprache und Schrift der fremden Kultur arbeiteten, die sich so von ihrer eigenen, grazilen aus filigranen Punkten unterschied.
Nachdenklich betastete Ednok den vor ihm liegenden, raschelnden Schein mit den Zeichen 50 Euro. Nur zu gerne hätte er gewusst, wer oder was dieser 50 Euro gewesen war. Oder der 10 Cent, der auf das braune Metallscheibchen vor ihm geprägt war. Bei vielen der gefundenen mumifizierten Leichen hatte man Beutel entdeckt, die gemischte Zusammensetzungen dieser Artefakte enthielten. In einer planetenübergreifenden Gemeinsamkeit fanden sich überall verschiedenste Apparaturen, die mit diesen Scheinen und Plättchen in Zusammenhang zu stehen schienen.
Es gab unzählige Arten von Maschinen, in die man sie einführen konnte: in den großen Bauten, die so viele verschiedene Dinge systematisch aufgehäuft waren, und die vermutlich Lagerhallen darstellten, gab es in Fächer unterteilte Laden dafür; Sockel, auf denen Abbilder fremdartiger Lebewesen zu bewegtem Leben erwachten und dazu Klänge von sich gaben. Man fand Behältnisse in den unterschiedlichsten Formen und Farben, gefüllt mit einer Mischung aus „Euro“, „Dollar“ und „Pesos“, „Yi Yuan“ und vielen mehr. Und nicht nur das: Da gab es riesige Bauten, in denen einzelne Hohlräume hinter dicken Toren mit nichts anderem vollgestopft waren.
Und hier begann der wissenschaftliche Zwist zwischen Ednok und seinen Kollegen.
Diese sahen in den Scheibchen und länglichen Membranen eine Art Opfer, die die hiesigen Wesen für alltägliche Dinge und Verrichtungen in ihrem Leben erbrachten. Immer, wenn sie um etwas baten, oder Nahrung erhielten, opferten sie etwas als Dank für ihre hilfreichen Götter. Diese Gaben wurden gesammelt und anschließend in den großen, geschützten Höhlen ebendiesen Göttern zur Ehre in Mengen dargeboten. Aus diesem Grund trugen die meisten der Lebewesen diese Opfergaben ihre kleinen Beuteln mit sich.
Aber Ednok war diese These zu unausgereift. Sie vermochte viele der vorgefundenen Dinge nicht zu erklären. Warum zum Beispiel wohnten einige der Wesen in großen, sauberen Bauten und andere ohne Schutz auf der nackten Oberfläche des Planeten? Wieso verfügten die einen über große Vorräte, während die anderen nur eine dünne Hülle um ihren eigenartigen Leib geschlungen hatten, oder in den metallenen Kästen mit Rundungen am unteren Ende, die vermutlich der Fortbewegung dienten, gefunden worden waren? Ihre These konnte auch nicht belegen, warum einige der Lebewesen über viele funktionstüchtige Kauwerkzeuge und mehr Umfang verfügten, wohingegen die Kauwerkzeuge anderer, wesentlich schmalerer Bewohner nur noch teilweise erhalten waren …
Seiner Meinung nach hatte alles, was sich auf diesem Planeten zugetragen hatte, einen Zusammenhang zu den Metallscheibchen und trockenen Scheinen. Seine erste Theorie, das Ziel der früheren Planetenbewohner habe darin bestanden, möglichst viel von diesen merkwürdigen Artefakten anzusammeln, wurde vom Forschungskader als vollkommen unsinnig abgeschmettert. Denn das hätte geheißen: Einer hätte mehr, als der andere haben wollen. Wozu hätte das gut sein sollen?
Nur widerwillig hatte Ednok eingesehen, dass seine Kollegen Recht haben mussten. Er hatte sich gedanklich auf neue Pfade begeben und eine Entdeckung gemacht, die all die losen Enden seiner Vermutungen zu einem festen Tau verwoben.
Alles lief darauf hinaus, dass es ihnen nur um eines gegangen war. Etwas so Wunderschönes, dass sie es nicht teilen wollten – so ungewöhnlich der Gedanke für Ednok und sein Volk auch sein mochte. Die Lebewesen hatten ihre Artefakte nur zu einem Zweck gesammelt und geopfert. Für diese eine, höchste Auszeichnung!
Mit vor Aufregung bebenden Fühlern strich er über die von ihm entdeckte, filigrane Membran.
Gegen die anderen groben, dunkel gestalteten Scheine und dem schweren Metall hob sie sich in ihrer Farbe und die wunderbar zierliche Leichtigkeit ab.
Selbst auf seinem Planeten wäre dies ein Kunstwerk, das seinesgleichen suchte. In feinen Zeichen stand darauf: Quittung. Vielen Dank für ihren Einkauf!
Eisige Weihnachten
(veröffentlicht 12.2014, WDR5, „Spielart“, Geschichten, die Sie sich schenken können)
Seit Stunden schon schienen sich die matten Lichter seiner Scheinwerfer durch den dicht fallenden Schnee zu fressen. Die Heizung hatte sich den klirrenden Minusgraden ergeben und Eisblumen begannen, die Seitenfenster des alten Autos zu erobern. Immer wieder rieb Leon sein kleines Guckloch in der Windschutzscheibe frei, um den ungleichen Kampf gegen die Kälte innerhalb von Sekunden erneut zu verlieren.
Warum in aller Welt war er nicht in der Firma geblieben? So oft hatte ihn die Couch seines winzigen Büros beherbergt. Aber am heutigen Tag hatte sein Vorgesetzter ihn bekniet: Es sei schließlich Weihnachten. Da müsse man bei der Familie sein. Und Leon hatte keinen Mut gefunden zuzugeben, dass er nichts hatte, was man als solche hätte bezeichnen können. Und so hatte es ihn auf die ungastlich-einsamen Straßen getrieben, auf denen er sich im Schneetreiben verirrt hatte.

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Die Schnauze des alten Fords neigte sich nach unten und Leon seufzte hoffnungsvoll. Das musste der Anleger der kleinen Fähre sein! Er mochte nicht darüber nachdenken, was geschah, wenn die Letzte bereits ohne ihn abgelegt hatte. Eine Nacht in diesem Wagen würde er nicht überleben und seine Tankfüllung hielt es mit den Außentemperaturen und fiel stetig. Aber nein, dort tauchte aus den weiß durchdrungenen Wirbeln die abgestoßene, metallene Kante der Rampe auf und Leon rollte die wenigen Meter auf die schwankende Ladefläche des alten Fährkahns. Erleichtert und erschöpft legte er die Stirn auf das kalte Lenkrad und schloss die Augen. Für wen in aller Welt nahm er jedes Mal diese Fahrerei auf sich? Seit Jahren bestand sein Alltag aus Instantkaffee, Fertiggerichten alleine vor dem Fernseher und seiner Arbeit in der Werbefirma, in der seine ausufernden Überstunden meist herzlich willkommen geheißen wurden. Nicht, dass er als Mann unansehnlich gewesen wäre. Aber leider fielen ihm außerhalb der Werbeslogans die Worte nicht so einfach zu und so machten ihm gerade Tage wie dieser schmerzlich die wachselnde Leere seines Lebens bewusst.
An diesem Punkt seiner düsteren Überlegungen angelangt, klopfte es an das undurchsichtig vereiste Seitenfenster und Leon schrak so zusammen, dass er sich auf die Lippe biss. Mit dem Geschmack von Blut auf der Zunge öffnete er zögernd die Autotür. Sofort fasste der Wind dahinter und eine Heerschaar von Schneeflocken schien darum zu kämpfen, sie ihm vollends aus der Hand zu reißen. Gegen das scharf-kalte Treiben anblinzelnd fiel es Leon zunächst schwer, die vermummte Gestalt vor ihm zu erkennen. Als es ihm schließlich gelang, schaffte sein überrumpeltes Gehirn lediglich, ein Wort bereitzustellen und er fragte heiser: »Tess?«
Die geschwungenen Lippen unter der weiten Kapuze bogen sich aufwärts und eine schmale Hand griff anstelle einer Antwort nach der seinen. Mit erstaunlicher Kraft zog sie ihn fort von dem Auto, dessen Tür offen stehen blieb, hin zu dem kleinen, geschützten Fährhäuschen. Überrascht ließ Leon es geschehen, trat nach ihr ein und schob die hölzerne Tür hinter sich zu.
Würzig durchtränkte Wärme empfing ihn und strich über Gaumen und Seele. Der Duft von Gebäck, Glühwein und Tannengrün mischte sich mit dem harzig-staubigen Aroma verwitterten Holzes und dem schwachen Modergeruch alter Schiffe. Die zierliche Gestalt vor ihm drehte sich um und streifte die Kapuze vom Kopf. Dunkles Haar fing die hellen Reflexe der Weihnachtsbeleuchtung ein, und große Augen lächelten zu ihm auf. »Entschuldige bitte, wenn ich dich erschreckt haben sollte, Leon, das wollte ich nicht!«
Immer noch erstarrt sah er sprachlos auf die kleine Frau nieder, die seit Jahren in der Abteilung nebenan arbeitete, und ihm mehr als nur einen wunderschönen Tagtraum beschert hatte. Erst als eine Schneeflocke in seinem Haar taute und ihm auf die Nase tropfte, erwachte er aus seiner Trance.
»Ich — du hast mich nicht erschreckt. Bloß überrascht. Aber was tust du hier? Wir haben Heiligabend und —«
Ihr Finger auf seinen Lippen beendete die hilflose Rede.
»Weißt Du, Leon, wir arbeiten schon sehr lange in dieser Firma. Nur hat sich bisher nie die Gelegenheit ergeben, wirklich miteinander zu sprechen. Außerdem hatte ich immer den Eindruck, dass du im Büro mit den Gedanken so bei der Arbeit bist, dass ich mich nie getraut habe, dich dort anzusprechen …« Bezaubernde Röte stieg ihr in die Wangen und Leon traute seinen Ohren kaum.
Sie hatte sich nicht getraut, ihn anzusprechen?
»Da ich von Kollegen weiß, wo du wohnst, und welche Strecke du fährst, habe ich unseren Chef gebeten, dich heute auf jeden Fall nach Hause zu schicken, um dich hier zu überraschen. Ich meine, ich habe auch niemanden, mit dem ich den heutigen Abend verbringen könnte, und da du immer so viele Überstunden machst und sogar manchmal in der Firma schläfst, dachte ich mir, wir könnten vielleicht ein wenig zusammensitzen und reden. Falls du natürlich lieber nach Hause möchtest oder ich mich geirrt habe, dann ist es gar kein Problem, wenn —«
Leon griff nach Tess´ Hand und drückte sie sanft, um ihren schneller werdenden Monolog zu unterbrechen.
»Tess, ich kann mir keine schönere Überraschung vorstellen, als diesen Heiligabend mit dir zu verleben! Aber du musst mir bitte erklären, wie du Sam dazu gekriegt hast, dass er sein Boot dafür zur Verfügung stellt!«, rette er sich auf unverfänglicheres Terrain, während er seinen Mantel aufknöpfte, der sich mittlerweile anfühlte, wie eine zu hoch geschaltete Heizdecke. Tess ließ ihrerseits ihren Parker von den Schultern gleiten und offenbarte darunter ein schulterfreies Oberteil, das seinen Teil dazu beitrug, dass Leon sich hektisch abwandte und nach einem Platz für sein eigenes Kleidungsstück suchte.
Schließlich setzten sich beide auf die breite, mit roten Polstern bedeckte Bank an der Wand, bei den großen Fenstern, durch die nichts als abenddämmrig grau werdender Schnee zu sehen war. Auf einem Tischchen stand ein Elektrokessel mit Glühwein neben Tellern mit Gebäck. Lämpchen an Tannenzweigen in einer Vase spendeten buttriges Licht und ein Heizöfchen hielt die Kälte fern.
Die Hände um heiße Tassen geschlungen, erzählte Tess von ihrer Bestechung des Fährmannes, der erst morgen früh zurückkommen und den Betrieb wieder aufnehmen würde, und der heute sowieso mit dieser Überfahrt geendet hätte. Leon berichtete von seiner Fahrt durch dichtes, in die Irre leitendes Schneetreiben und stellte erleichtert fest, dass die Wärme das Eis um seinen Sprachschatz getaut zu haben schien, denn er fand die richtigen Worte.
Ein Thema führte ins nächste und Wein- und Gebäck-begleitet glitt ihr Gespräch mit der Leichtigkeit von Kufen über Eis dahin. Immer wieder trat Leon innerlich aus dem Geschehen heraus, um verwundert den Kopf zu schütteln und als sie ihn nach Stunden schließlich vorsichtig küsste, stand für ihn fest: Dies war die schönste Weihnacht seines ganzen Lebens!
*
»Wann hat man ihn gefunden?«
»Der Fährmann trat heute zum ersten Mal seit dem Unwetter wieder seinen Dienst an. Meinte, über die Feiertage hätte er wegen des Schneesturmes sowieso nicht übersetzten können. Hat den offenen Wagen in der Schneewehe erst gar nicht gesehen.«
Der erste Polizist schüttelte langsam den Kopf. »Der Tank war leer. Hat sich sogar noch ausgezogen. Das soll ein Reflex bei Erfrierenden sein. In seiner Hilflosigkeit interpretiert der Körper das Gefühlte verkehrt und lässt den Menschen glauben, ihm wäre zu heiß.«
»Weiß man schon, wie er heißt und wer er ist?«, fragte der zweite Beamte, der sich frierend die Hände rieb, während Nebelschwaden seine Worte begleiteten.
»Ja. Leon Feller. Werbetexter. Sein Chef hat ihn am Heiligabend gewissermaßen gezwungen, nach Hause zu fahren. Wusste nicht, dass der Mann keine Familie hatte. Macht sich riesige Vorwürfe deswegen. Traurig, so was!«, seufzte der erste Polizist.
»Mag sein«, entgegnete sein Kollege gedehnt, »aber eins ist merkwürdig: Hast du in Leon Fellers Gesicht gesehen? Der Mann lächelt immer noch übers ganze Gesicht, als hätte er trotzdem sein schönstes Weihnachtsfest erlebt!«








