
Quelle: Ractapopulus, Pixabay
Als Willkommensgruß für das neue Jahr habe ich hier einen längeren Textauszug aus Berserkerblut III für Euch! Viel Spaß!
Nur langsam hob die Morgendämmerung das dunkle Tuch der Nacht. Erst in einiger Zeit würden die Strahlen der Sonne über den Horizont reichen, um den Frühnebel zu schmelzen, der mit dichten Schwaden die Konturen des Waldes verwischte. Bald darauf begännen die Kristalle des Raureifes millionenfach in allen Farben zu erstrahlen.
Dem riesigen weißen Wolf waren Pracht und Erstrahlen gleichgültig. Im Moment interessierte ihn einzig die Witterung, die ihm die Feuchtigkeit der Luft zutrug. Die Witterung, der er bisher instinktiv ausgewichen war. Zu spät. Heute war es windstill. Nur so war zu erklären, wie er die Annäherung so lange hatte verschlafen können.
Schon durchbrach ihre Silhouette den Schleier des hellen Dunstes. Ein erleichtertes Schnaufen weitete bei seinem Anblick ihren Brustkasten, bevor sie ehrfurchtsvoll den Blick senkte und verhielt. Der Pelz der Wölfin leuchtete selbst im ersten Licht des Tages feurig rot. Ein Blinzeln und aus dem Raubtier war eine junge Frau mit ebensolch lohfarbenen Haaren geworden, die wild in alle Richtungen abstanden. Die Höflichkeit ihrer Geste wich einem konzentrierten Gesichtsausdruck, mit dem sie sich dem Wolf langsam in einem Bogen näherte.
»So lange habe ich dich gesucht!«
Sie klang unnatürlich laut in den Ohren des Wolfes, der das Schweigen der Natur zu schätzen gelernt hatte. Zwei Instinkte rangen in seiner Brust: Angriff oder Flucht. Vage dämmerte ihm, dass es bereits ähnliche Annäherungen gegeben hatte. Drei männliche Wölfe. Ihre Schreie gellten noch immer in seinen Ohren und gingen über in die Schreie einer Frau. Einer Frau, die … Bevor die Erinnerung von ihm Besitz ergreifen konnte, schüttelte er den mächtigen Schädel und setzte an zu gehen.
»Lu, bitte! Wir brauchen dich!«
Der flehende Ton in ihrer Stimme bremste ihn und sie nutzte seine Schwäche, um sich weiter zu nähern. »Seit Wochen suche ich dich nun schon, Illumin. Bitte hör mich an, bevor du gehst!«
Der Wolf wandte den Blick ab, zögerte.
»Tooley und ich brauchen dich, Lu! Wochenlang hat Too es geschafft, die Lichten hinzuhalten. Nun aber wollen sie sich nicht länger vertrösten lassen. Wir benötigen deine Hilfe. Sie wollen dich sehen, mit dir reden – nicht mit uns.«
Er wollte die Worte nicht hören, nicht verstehen. Er tat einen weiteren Schritt von ihr fort.
»Lu, der Verlust von Cin trifft uns alle. Sie war meine Freundin und davon habe ich nicht viele. Auch Devron fehlt uns ebenso wie dir! Wir sollten zusammenhalten und uns stützen. Die Flucht in die Wolfsgestalt ist keine Lösung auf Dauer.«
Die Namen ließen Bilder vor seinem inneren Auge aufsteigen, vor denen er geflohen war. Schmerz ergriff erneut von ihm Besitz und drohte ihn zu überschwemmen. Um nicht darin unterzugehen, legte er den Kopf in den Nacken und entließ sein Leid in einem langgezogenen Heulen in die Morgenluft. Die Frau, Jira, folgte ihm nach. Nur eine Winzigkeit später antwortete ein weiterer Ruf aus der Ferne. Brill.
Sein menschliches Gedächtnis brach sich Bahn. Überwand die Hindernisse, die er in mühevoller Konzentration aufgebaut hatte.
Ein zweiter Ruf, deutlich weniger kraftvoll, gesellte sich hinzu und Jira hob mit einem entschuldigenden Lächeln die Schultern. »Tooley übt. Er fühlt sich sonst so ausgeschlossen, sagt er.«
Überraschung durchzog den Schmerz und ließ für einen Moment Licht in seine Erinnerung.
Er war Illumin Chrome.
Der Name drängte seine tierische Natur weiter zurück und machte Platz für den Menschen, der so lange versucht hatte, in sein instinktgesteuertes Ich zu fliehen. Bebend gab er sich der seelischen Wandlung und dem damit heraufkommenden Leid hin. Mit einem Stöhnen verwandelte er sich. Minutenlang kauerte er noch auf dem kalten Waldboden, der ihm Halt gab. Dann richtete er sich auf. Blinzelnd sah er die Mondgängerin an, die ihm gegenüber stand und geduldig wartete.
»Du solltest ihm sagen, dass er sich furchtbar anhört«, sagte er mit kratziger Stimme.
Ihr erleichtertes Lachen trug weit im stillen Wald, aber es war ein angenehmer Klang. »Ja, das sage ich ihm dauernd. Aber Brill findet es toll, dass sein Vater Unterricht im Heulen nimmt. Also lasse ich die beiden.«
Chrome horchte in sich hinein. Hatte er sie gehört? Nein, zu versunken war er gewesen. Hatte sich der Natur seiner Wildtiere hingegeben, die nur allzu schnell das menschliche Denken überdeckte. Ein willkommener Akt der Gnade.
»Du bist wieder da?« Zögernd trat sie einen Schritt näher, als habe sie Angst, ihn doch noch in die Flucht zu schlagen. Aber es war zu spät. Die schützende Decke des tierischen Instinktes war beiseite gezogen worden. Ohne eine längere Weile der Versenkung gab es für ihn keine Rückkehr mehr dorthin.
Ergeben nickte er.
»Wie lange war ich fort?«
»Morgen sind es sechs Wochen.«
Wie vom Blitz getroffen, sann er zurück. »So lang? Warum kommst du jetzt erst? In meiner tierischen Gestalt habe ich mein Zeitgefühl verloren. Es hätte ebenso gut gestern sein können, dass ich –« betroffen brach er ab. »Wie geht es Dev? Und Crash?« Er senkte die Stimme, » – und euch? Es ist einfach geschehen.«
Jira verstand und er war ihr dankbar dafür, keine weiteren Erklärungen abgeben zu müssen.
»Emotionale Schocks vermögen auch bei den Mondgängern diese Fluchtreaktion auszulösen. Im medizinischen Jargon nennt man es Schockwandlung. Nur zu gerne gibt man sich seiner Raubtierseite hin, die viel mehr im Instinktiven lebt. Nur fällt es einem normalen Wolf nicht so leicht, aus dieser Rolle wieder hervorzutreten. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass du ein B – anders bist und vermutlich auch älter?«
Hast du schon vergessen, was für ein Märchen du mir da aufgetischt hast? – Du willst mir erzählen, dass du – vor 997 geboren wurdest?
Er fasste sich an die Stirn, als Cinnamons Stimme aus der Vergangenheit zu ihm hallte. Statt sich auf Jiras fragenden Blick hin zu erklären, entgegnete er: »Mein Geburtsjahr war dreistellig, ja.«
Die junge Heilerin schluckte, aber nahm seine Aussage mit dem Senken ihres Kopfes zur Kenntnis. »Das mag auch Auswirkungen auf deine Fähigkeiten haben, dich auf deine menschliche Seite zurückzubesinnen«, murmelte sie und sah zu Boden. »Wir wussten nicht, wie einfach oder schwer es dir fallen würde, zurückzukehren. Deshalb haben wir Flys Hilfe erbeten. Er ist mit zweien seiner Männer in Wolfsgestalt auf Erkundungstour nach dir gegangen. Ich selber hatte es wochenlang alleine probiert. Brill wollten wir nicht einweihen. Es war dir ein Leichtes, mir auszuweichen. Also dachten wir, es könnte besser klappen, dich einzukreisen. Und tatsächlich haben sie dich aufgespürt und Fly hat versucht, mit dir zu reden. Aber …«
Die Pause dehnte sich unheilvoll zwischen ihnen aus, bis Jira Mut zu fassen schien. »Noch mitten in der Wandlung hast du ihn, Toss und Turn angegriffen und verwundet.«
Als sie sein sorgenvolles Gesicht sah, fügte sie rasch hinzu: »Sie haben sich alle erholt. Aber der Vorfall war uns eine Warnung. Ab da bin ich wieder alleine auf die Suche gegangen.«
»Und Too hat das einfach so zugelassen?«
»Nein, hat er nicht«, erklang eine Stimme seitlich von ihnen und Tooleys kantige Gestalt bildete sich vor einem der Baumstämme scheinbar aus der Luft heraus.
Sich unsichtbar machen zu können, hatte bisweilen Vorteile. Diverse Waffen zierten seinen Oberkörper, als wolle er in den Krieg ziehen und die unangenehme Erkenntnis, dass er, Chrome, der potentielle Gegner gewesen war, legte sich wie ein Ring um seine Brust. Nun aber trat Too näher. Gestisch fragte er nach Chromes Einverständnis, bevor er ihn fest umarmte und auf den Rücken klopfte. »Du meinst wirklich, ich lasse meine Gefährtin mit einem attraktiven, extrem wehrfähigen Kerl nackt alleine im Wald plaudern? Mann, du kennst mich echt noch nicht, oder?« Auch, wenn er in die Heiterkeit nicht mit einstimmen konnte, tat sie Chrome wohl.
»Was sie eigentlich zu sagen versucht hat, ist, dass es nun drei Wölfe mehr gibt, die zumindest wissen, dass du zwar ein Seque bist, dich aber in einen Wolf verwandeln kannst, Lu. Aber wir mussten etwas tun. Dev war leider nicht sonderlich hilfreich, allerdings schien er ein schlechtes Gewissen zu haben. Ihr hattet Streit, nicht wahr?«
Willkommen im Club, Lu!
Chrome zuckte mit den Schultern. »Er war betrunken und ich vorher nicht gerade einfühlsam.«
Too musterte ihn mit schmalen Augen und nickte schließlich. »Keiner von uns hätte geglaubt, dass er so abstürzten könnte.«
»Dann hat sich nichts an seinem Zustand geändert?«
»Ich glaube, er ist häufiger nüchtern. Er hat begonnen, einen Anbau an die Hütte zu setzen, und ich denke, die Arbeit tut ihm gut. Zum Haus kommt er nur, wenn er etwas braucht, und ist sofort wieder weg. Gespräche will er im Moment keine. Allerdings hat er eingeschoben, dass sich das auch wieder ändern könne, aber –«
» – er hat nach dir gefragt«, beendete Jira den Satz ihres Gefährten und lächelte.
Chrome fuhr sich mit beiden Händen durch das Gesicht. Nach der langen Zeit im Wolfskörper fühlte sich die Geste noch befremdlich an.
»Glaubt nicht, ich hätte den verfänglichen Teil der Unterhaltung vergessen. Wie haben Fly und seine Leute auf eure Eröffnung reagiert? Ich meine, auf das mit dem Seque, der sich in einen Wolf wandeln kann.«
Betreten blickte das Pärchen zu Boden. Tooley kniff die Lippen zusammen, bevor er antwortete. »Sie sind Profis, Lu. Flys erste Bemerkung war: Sollten wir danach fragen? Also habe ich nein gesagt. Damit war das Kapitel erledigt. Allerdings hat auch Lorcan Wind von der Sache bekommen.«
Chrome stöhnte auf, aber bevor er einhaken konnte, fuhr Tooley fort.
»Was denkst du eigentlich, Lu? Dass du einfach von jetzt auf gleich verschwinden kannst, ohne eine Nachricht zu hinterlassen? Dass es nicht auffällt, wenn sich in diesem Landstrich ein neuer Wandler herumtreibt? Zugegeben, das Areal ist riesig. Nicht umsonst haben wir so viele Wochen gebraucht, um dich aufzuspüren, da du uns ständig ausgewichen bist. Aber selbst du hinterlässt Spuren. Brill ist nicht dumm. Er wird sich seinen Teil denken, auch wenn er nicht darüber spricht. Er hat sich übrigens häufiger gewandelt. Wir beten, dass seine Blockade überwunden ist. Aber Lorcan hat eine Schneise im Wald gefunden, die ihn aufs Äußerste beunruhigt hat. Dort wurden riesige Bäume gefällt, nur leider nicht mit Säge oder Axt. Die zerstörten Stämme wiesen lediglich unbekannte Klauenspuren auf. Du kannst dir nicht vorstellen, was ich ihm versprechen musste, damit er nicht bewaffnet auf die Jagd geht!«
Tooley hatte sich in Rage geredet. Die Anspannung der vergangenen Wochen brach sich Bahn. Zu seiner eigenen Verwunderung wurde Chrome ob der Anschuldigungen und des Tones nicht wütend. Still ließ er seinem Freund Zeit, sich Luft zu verschaffen.
»Jiras Freundin Kjéal wollte mit ihr zusammen hier in den Wäldern laufen. Jira hatte große Not, ihr zu erklären, dass dies gerade nicht möglich sei, und Crash, der ja nicht mal aus seiner Zelle herauskommt, ist über seine erzwungene Passivität beinahe noch wahnsinniger geworden, als er es sowieso schon ist. Also, was in aller Herrgottsnamen, hast du dir dabei gedacht, wochenlang von der Bildfläche zu verschwinden?«
Chrome fühlte sich immer noch vollkommen ruhig. Es war, als beobachtete er die Szene aus einer weiten Distanz, als wäre nicht er gemeint, sondern ein Fremder. Unter normalen Umständen hätte er aufbegehrt. Allein, dass jemand anderer so mit ihm zu sprechen wagte, hätte seinen Groll heraufbeschworen. So jedoch konnte er dem anderen in die Augen sehen und sagen: »Es tut mir leid. Ich habe an gar nichts gedacht, Too. Lass uns zum Haus gehen.«
Damit ließ er sich wieder in seiner Wolfsgestalt auf alle viere fallen und trottete den beiden vorweg.